Um die kulturelle Wirkung von KI überhaupt einordnen zu können, muss zunächst klar sein, was mit Kultur gemeint ist. Kultur ist nicht nur Herkunft, Sprache, Essen, Kleidung, Religion oder Tradition. Sie ist auch kein abgeschlossenes Archiv, in dem Werte und Normen unverändert gelagert werden.
Kultur ist ein lebendiges System. Sie entsteht aus gemeinsamen Erfahrungen, Erzählungen, Symbolen, Regeln, Erwartungen und alltäglichen Verhaltensweisen. Sie prägt, was Menschen als richtig, schön, angemessen, modern, rückständig, moralisch, erfolgreich oder fremd wahrnehmen. Über Jahrhunderte hinweg. Aber: Sie verändert sich auch ständig: durch Austausch, Migration, Medien, Wirtschaft, Bildung, Konflikte, Technologie und gesellschaftliche Aushandlung.
Ein hilfreicher Zugang, um kulturelle Unterschiede greifbarer zu machen, sind die
Kulturdimensionen nach Geert Hofstede, mit denen ich mich bereits 2012 in meiner
Bachelorarbeit beschäftigt habe. Sein Modell beschreibt anhand von Studien, wie Gesellschaften sich in bestimmten Grundmustern unterscheiden können, etwa im Umgang mit Macht, Unsicherheit, Individualität, Gemeinschaft, Wettbewerb, Langfristigkeit oder Zurückhaltung.
Auch wenn dieses Modell kritisch betrachtet werden muss, weil es Kulturen stark vereinfacht und nationale Durchschnittswerte nicht mit individuellen Realitäten verwechselt werden dürfen, macht es einen wichtigen Punkt sichtbar:
Werte entstehen nicht zufällig. Sie sind tief in sozialen Strukturen, historischen Erfahrungen und kollektiven Gewohnheiten verankert.
Für die Frage nach dem Einfluss von KI reicht dieser klassische Blick nicht mehr aus. Denn heute wirken digitale Systeme zusätzlich auf kulturelle Orientierung ein. Deshalb braucht es aus meiner Sicht zwei ergänzende Dimensionen: die digitale Sichtbarkeit einer Kultur und ihre algorithmische Anschlussfähigkeit.
Zur Erklärung:
Digitale Sichtbarkeit beschreibt, wie stark eine Kultur in Daten, Plattformen, Suchergebnissen, Trainingsmaterialien und medialen Inhalten vertreten ist.
Algorithmische Anschlussfähigkeit beschreibt, wie gut kulturelle Ausdrucksformen von digitalen Systemen erkannt, verarbeitet, empfohlen und reproduziert werden können.
Eine Kultur kann gesellschaftlich reich, historisch tief und identitätsstiftend sein, digital aber kaum vorkommen. Und genau darin liegt ein Risiko: Was in Daten kaum vorkommt, wird von KI schwerer erkannt. Was schwerer erkannt wird, erscheint seltener. Was seltener erscheint, verliert im digitalen Raum an Relevanz.
Damit verschiebt sich der Kulturbegriff. Kultur ist nicht mehr nur das, was Menschen leben, erzählen und weitergeben. Im digitalen Zeitalter ist Kultur zunehmend auch das, was Systeme erfassen, ordnen, gewichten und sichtbar machen.
KI greift also nicht neutral auf kulturelle Vielfalt zu, sondern begegnet Kultur durch Daten. Und diese Daten entscheiden mit darüber, welche Perspektiven global verstärkt werden und welche langsam aus dem digitalen Wahrnehmungsraum verschwinden.