Im letzten Artikel ging es um Datenhoheit als neue kulturelle Macht. Dort stand der Gedanke im Mittelpunkt, dass Daten nicht nur beschreiben, was Menschen tun, sondern mitentscheiden, was Menschen sehen.
Agenda Setting geht nun einen Schritt weiter:
Was Menschen immer wieder sehen, beginnt ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit zu prägen.
Das bedeutet nicht, dass Algorithmen unsere Gedanken vollständig kontrollieren. Aber sie beeinflussen sehr wohl den Raum, in dem Gedanken entstehen. Wenn bestimmte Themen häufiger erscheinen, wirken sie wichtiger. Wenn bestimmte Konflikte permanent sichtbar sind, wirkt die Welt konfliktreicher. Wenn bestimmte Bilder, Narrative und Emotionen ständig wiederholt werden, verschieben sie unser Gefühl dafür, was normal ist.
So entsteht ein Kreislauf: Sichtbarkeit erzeugt Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit erzeugt Diskussion. Diskussion erzeugt Daten. Daten erzeugen neue Sichtbarkeit. Ein ewiger Kreislauf, mathematisch perfektioniert, menschlich gefährlich.
Denn dieser Kreislauf kann gesellschaftliche Wahrnehmung massiv beeinflussen. Nicht durch eine bewusste Verschwörung, sondern eher durch permanente Optimierung. Häufig werden dabei jene Inhalte bevorzugt, die besonders starke Reaktionen auslösen. Alarmierende, negative oder polarisierende Inhalte funktionieren im digitalen Raum einfach besser als leise, differenzierte oder konstruktive Perspektiven. Sie erzeugen mehr Reibung, mehr Kommentare, mehr Widerspruch und damit mehr Engagement.
Das kann langfristig Folgen haben. Studien und Beobachtungen rund um Nachrichtenverdruss und News Avoidance zeigen, dass sich Menschen zunehmend von Nachrichten abwenden, wenn sie das Gefühl haben, permanent mit Krisen, Konflikten und negativen Entwicklungen konfrontiert zu werden. Das Ergebnis ist ein diffuses Gefühl von Überforderung. Eine Art gesellschaftliches Grundrauschen: Alles läuft schlecht. Alles ist Krise. Alles ist laut. Dabei sehen wir nicht unbedingt mehr Wirklichkeit. Wir sehen mehr von dem, was algorithmisch Aufmerksamkeit erzeugt.