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Standardisierung von Kultur

Dieser Beitrag ist Teil einer mehrteiligen Serie. Lesen Sie die weiteren Artikel, um den vollständigen Kontext zu erfassen.

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Eine Maschine muss keine Meinung über Kultur haben, um Kultur zu verändern.

Algorithmische Systeme müssen keine eigene Haltung haben, um gesellschaftliche Wirkung zu entfalten. Sie müssen keine Kultur verstehen, keine Werte vertreten und keine Absicht formulieren. Es reicht, dass sie Sichtbarkeit sortieren, Relevanz berechnen und bestimmte Muster immer wieder verstärken.

Die Delegation gesellschaftlicher Intentionalität

Im vorherigen Artikel ging es um Agenda Setting im Zeitalter algorithmischer Systeme. Also um die Frage, wer im digitalen Raum eigentlich bestimmt, worüber wir sprechen. Welche Themen sichtbar werden und welche Konflikte groß erscheinen. Und: welche Entwicklungen kaum in unser kollektives Bewusstsein gelangen.
Dort wurde deutlich: Algorithmen sagen uns nicht direkt, was wir denken sollen. Aber sie beeinflussen sehr wohl zunehmend, worüber wir überhaupt nachdenken. Genau an diesem Punkt beginnt eine tiefere Frage:
Wenn algorithmische Systeme mitbestimmen, welche Themen sichtbar werden, beeinflussen sie nicht nur unsere Aufmerksamkeit.
Sie beeinflussen auch die Richtung, in die sich gesellschaftliche Bedeutung bewegt. Denn Gesellschaften bestehen nicht nur aus Informationen. Sie bestehen aus gemeinsamen Fragen, Werten, Normen, Erzählungen, Erwartungen und Zukunftsvorstellungen.
Als Gesellschaft stellen wir uns grundsätzlich und kollektiv Fragen wie: Was halten wir für wichtig? Was empfinden wir als richtig? Was gilt als normal? Was wirkt fortschrittlich? Was erscheint rückständig? Was wird bewahrt und was aufgegeben?
Diese Fragen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden gesellschaftlich ausgehandelt. Und genau diese Aushandlung verändert sich, wenn digitale Systeme immer stärker mitbestimmen, welche Inhalte, Narrative und Relevanzen in den Vordergrund treten. Dann geht es nicht mehr nur um Sichtbarkeit. Es geht um gesellschaftliche Intentionalität.

Was gesellschaftliche Intentionalität bedeutet

Intentionalität meint zunächst Absicht, Ausrichtung oder Gerichtetheit. Auf individueller Ebene ist das leicht verständlich: Menschen handeln mit Absichten. Sie verfolgen Ziele. Sie entscheiden sich für etwas oder gegen etwas und übernehmen im Idealfall Verantwortung für ihr Handeln.
Gesellschaftliche Intentionalität ist komplexer. Sie beschreibt nicht die eine Absicht einer gesamten Gesellschaft. Gesellschaften sind dafür zu komplex, zu widersprüchlich und zu vielfältig. Sie bestehen mitunter aus Konflikt, Aushandlung, Macht, Tradition, Wandel und vielen verschiedenen Interessen. Aber trotzdem entwickeln Gesellschaften gemeinsame Orientierungen. Sie bilden Vorstellungen davon aus, was sie schützen oder verändern, fördern oder vermeiden wollen. Diese Vorstellungen entstehen durch viele Instanzen: Familien, Schulen, Medien, Religionen, Kunst, Wissenschaft, Politik, soziale Bewegungen, lokale Gemeinschaften und öffentliche Debatten. Sie entstehen durch Erziehung, Erinnerung, Konflikt, Protest, Zustimmung und Widerspruch.
Gesellschaftliche Intentionalität ist also kein fester Plan. Sie ist ein permanenter Prozess. Genau deshalb ist dieser Begriff für die Frage nach KI und Kultur so wichtig. Denn wenn immer mehr gesellschaftliche Wahrnehmung durch algorithmische Systeme vorsortiert wird, stellt sich die Frage, ob auch dieser Prozess der gemeinsamen Orientierung zunehmend ausgelagert wird. Nicht vollständig. Aber schleichend.

Aushandlung war nie neutral, aber sie war erkennbar

Es wäre falsch, die Vergangenheit zu verklären. Gesellschaftliche Aushandlung war nie neutral. Auch früher haben Machtverhältnisse bestimmt, welche Stimmen gehört wurden und welche nicht.
Redaktionen konnten Themen ausblenden. Institutionen konnten Perspektiven unterdrücken. Bildungssysteme konnten dominante Weltbilder stabilisieren. Religiöse, politische oder wirtschaftliche Autoritäten konnten festlegen, was als legitim, moralisch oder wahr galt.
Die alte Welt war nicht gerechter, nur weil sie weniger digital war. Aber sie hatte einen Unterschied: Viele ihrer Machtzentren waren erkennbarer. Wenn eine Zeitung ein Thema groß machte, konnte man die Zeitung kritisieren. Wenn eine Regierung ein Narrativ setzte, konnte man politische Verantwortung benennen. Wenn eine Schule ein bestimmtes Geschichtsbild vermittelte, konnte man den Lehrplan hinterfragen. Die Verantwortlichkeit war nicht immer einfach und klar. Aber sie war zumindest stärker an sichtbare Akteure gebunden.
Im digitalen Raum wird diese Verantwortlichkeit diffuser. Ein Thema erscheint nicht unbedingt, weil eine Redaktion es bewusst auf die Titelseite setzt. Es erscheint, weil ein System berechnet, dass es wahrscheinlich Aufmerksamkeit erzeugt. Und eine Perspektive verschwindet nicht unbedingt, weil jemand sie aktiv zensiert. Sie verschwindet, weil sie schlechter performt, seltener empfohlen wird oder nicht in die Relevanzlogik der Plattform passt.
Das verändert die Art, wie gesellschaftliche Bedeutung entsteht. Nicht, weil Menschen keine Entscheidungen mehr treffen. Sondern weil ein wachsender Teil der Vorauswahl von Systemen übernommen wird, deren Wirkung schwerer zu erkennen und noch schwerer zu adressieren ist.

Optimierung ohne Absicht

Algorithmische Systeme haben keine gesellschaftliche Absicht.
Sie wollen weder eine bessere Gesellschaft noch eine gerechtere Kultur. Sie wollen keine Vielfalt bewahren, keine Erinnerung schützen und keine Werte aushandeln. Sie optimieren Zielgrößen. Kennzahlen. KPIs.
Das klingt nüchtern, ist aber zentral. Ein algorithmisches System entscheidet nicht wie ein Mensch, der ein Thema moralisch, kulturell oder historisch einordnet. Es berechnet Wahrscheinlichkeiten. Es erkennt Muster, vergleicht Datenpunkte und priorisiert Inhalte anhand definierter Parameter, wie ich in den Artikeln zuvor beschrieben habe. Dazu gehören Interaktionsraten, Conversions, Engagement, Klickraten, Views, Shares, Kommentare, Verweildauer, Wachstum und viele weitere messbare Größen.
Das Problem ist also nicht, dass Algorithmen eine falsche Absicht hätten. Dazu sind sie nicht fähig. Das Problem ist, dass sie Wirkung entfalten, ohne eine Absicht tragen zu können. Sie haben keine eigene Verantwortung für die kulturellen und gesellschaftlichen Folgen ihrer Sortierung. Und trotzdem beeinflussen sie, welche Themen sichtbar werden, welche Narrative sich verbreiten, welche Werte wiederholt werden und welche Formen von Bedeutung im digitalen Raum an Gewicht verlieren.
Genau darin liegt die eigentliche Brisanz:
Eine Maschine muss keine Meinung über Kultur haben, um Kultur zu verändern.
Sie muss nur entscheiden, was für einzelne Nutzer relevant erscheint, während die Folgen dieser Entscheidungen längst kollektiv wirken.

Wenn Zielgrößen zu Werten werden

Digitale Systeme sprechen selten offen von Werten. Sie sprechen von Metriken. Von Kennzahlen. Von KPIs, wenn man so will. Wenn diese Kennzahlen bestimmen, was sichtbar wird, dann bekommen sie eine kulturelle Wirkung. Denn was belohnt wird, wird häufiger produziert. Was häufiger produziert wird, wird sichtbarer. Was sichtbarer wird, wirkt relevanter. Was relevanter wirkt, prägt Erwartungen.
So können technische Zielgrößen zu kulturellen Steuerungsgrößen werden. Das bedeutet nicht, dass Klicks offiziell Werte ersetzen. Niemand sagt: Verweildauer ist wichtiger als Wahrheit. Niemand formuliert offen: Engagement ist wichtiger als kulturelle Tiefe.
Aber in der praktischen Logik digitaler Systeme kann genau dieser Effekt entstehen. Was messbar funktioniert, bekommt Vorrang. Damit verschiebt sich die Bedeutung von Relevanz. Gesellschaftliche Notwendigkeiten stehen nicht automatisch im Vordergrund, sondern das, was sich in den Parametern des Systems als erfolgreich erweist. Aus Aufmerksamkeit wird ein Wert. Aus Performance wird eine Orientierung. Aus Reaktion wird Bedeutung. Und genau an diesem Punkt wird die Delegation gesellschaftlicher Intentionalität sichtbar. Denn wenn Gesellschaften beginnen, sich immer stärker an dem zu orientieren, was Systeme verstärken, dann übernehmen diese Systeme indirekt eine Funktion, die früher stärker durch menschliche Aushandlung geprägt war: die Vorauswahl des Bedeutenden.

Die Verantwortungslücke

Wenn gesellschaftliche Intentionalität an algorithmische Systeme delegiert wird, entsteht eine Verantwortungslücke. Bei menschlichen Akteuren können wir nach Verantwortung fragen. Nicht immer einfach, aber grundsätzlich möglich. Wer hat diese Entscheidung getroffen? Wer hat dieses Thema gesetzt? Wer hat diese Perspektive ausgeschlossen?
Bei algorithmischen Systemen wird diese Frage komplizierter. Ist die Plattform verantwortlich, weil sie die Zielgrößen definiert? Sind es die Entwickler, die das System gebaut haben? Sind es die Daten, aus denen das System gelernt hat? Sind es die Nutzer, deren Verhalten die Signale liefert? Sind es Werbekunden, die Aufmerksamkeit monetarisieren? Ist es der Markt, der Wachstum verlangt? Oder ist es am Ende niemand, weil alles nur aus vielen kleinen automatisierten Entscheidungen besteht?
Genau diese Unschärfe ist gefährlich. Denn kulturelle Wirkung entsteht trotzdem. Auch wenn sich Verantwortung auf viele Ebenen verteilt. Auch wenn niemand bewusst entschieden hat, bestimmte Perspektiven zu verdrängen oder bestimmte Narrative zu verstärken. Das System wirkt. Aber die Verantwortung zerfasert.
Diese Verantwortungslücke ist eine der zentralen Herausforderungen algorithmischer Kultur. Denn Gesellschaften können nur dann bewusst über Werte, Ziele und Prioritäten sprechen, wenn sie erkennen, wo Entscheidungen entstehen und wer für ihre Folgen einstehen muss. Wenn Entscheidungen aber in technischen Infrastrukturen verschwinden, wird auch Widerspruch schwieriger. Man kann schlecht mit einem Ranking diskutieren. Man kann schwer eine Empfehlung zur Verantwortung ziehen. Man kann einen Feed nicht direkt nach seinen kulturellen Motiven fragen. Und doch prägen genau diese Systeme zunehmend die Welt, die wir sehen.

Wenn Gesellschaft Bedeutung nicht mehr bewusst aushandelt

Die langfristige Gefahr liegt nicht darin, dass Maschinen plötzlich selbst Gesellschaft steuern. Nicht wie in der Matrix... Das wäre zu dramatisch und auch zu einfach. Die Gefahr liegt eher darin, dass Gesellschaften schrittweise verlernen, bestimmte Fragen bewusst auszuhandeln.
Was ist wichtig, auch wenn es nicht klickt? Was ist wahr, auch wenn es unbequem ist? Was ist kulturell wertvoll, auch wenn es nicht massentauglich ist? Was muss bewahrt werden, auch wenn es langsam, sperrig oder schwer verständlich ist? W
Diese Fragen verlangen menschliche Urteilskraft. Sie verlangen Erinnerung, Erfahrung, Kontext, Verantwortung und manchmal auch Geduld. Algorithmische Systeme können Muster erkennen. Aber sie können nicht im menschlichen Sinn verstehen, warum eine Geschichte für eine Gemeinschaft bedeutsam ist. Sie können erkennen, welche Inhalte Reaktionen auslösen. Aber nicht, ob diese Reaktionen gesellschaftlich heilsam, destruktiv oder kulturell verzerrend sind.
Wenn wir uns zu stark an algorithmisch erzeugter Relevanz orientieren, riskieren wir, Bedeutung mit Sichtbarkeit zu verwechseln.
Was sichtbar ist, erscheint wichtig. Was häufig erscheint, wirkt normal. Was normal wirkt, wird weniger hinterfragt. Was weniger hinterfragt wird, wird Teil unserer Orientierung.
So entsteht eine neue Form gesellschaftlicher Steuerung. Durch eine permanente Verschiebung dessen, was als relevant erscheint.

Die stille Verschiebung von Absicht

Gesellschaftliche Intentionalität verschwindet nicht plötzlich. Menschen haben weiterhin Werte, Ziele, Überzeugungen und Wünsche. Sie handeln, widersprechen, gestalten und kämpfen um Bedeutung. Aber der Raum, in dem diese Absichten sichtbar werden, verändert sich.
Wenn bestimmte Formen von Ausdruck besser performen, werden sie häufiger genutzt. Wenn bestimmte Themen stärker verstärkt werden, rücken sie ins Zentrum. Wenn bestimmte Narrative leichter anschlussfähig sind, prägen sie den Diskurs stärker. Und wenn andere Formen von Bedeutung weniger sichtbar werden, verlieren sie an Einfluss.
Das bedeutet: Die gesellschaftliche Absicht verschiebt sich nicht nur durch bewusste Entscheidungen, sondern auch durch infrastrukturelle Bedingungen. Plattformen, Datenmodelle und Algorithmen bilden dann nicht nur ab, was Menschen wollen. Sie beeinflussen, welche Wünsche, Themen und Bedeutungen überhaupt sichtbar werden. Dadurch entsteht eine Art Rückkopplung: Menschen erzeugen Daten. Daten formen Systeme. Systeme sortieren Sichtbarkeit. Sichtbarkeit prägt Wahrnehmung. Wahrnehmung beeinflusst Verhalten. Verhalten erzeugt neue Daten.
In dieser Schleife wird schwerer zu unterscheiden, was ursprünglich menschliche Absicht war und was bereits durch algorithmische Verstärkung geformt wurde. Trainieren wir noch die Systeme? Oder trainieren die Systeme längst unsere Erwartungen? Diese Frage klingt zugespitzt. Aber sie beschreibt einen realen kulturellen Konflikt.
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